Spenden 2.0 – von fremden Schicksalen im Internet

Als ich vergangene Woche eine belebte Einkaufstraße lang lief, schaute ich dem Krebs direkt in die Augen: 

Adrianne, 7 Jahre, kabbelte sich mit ihrer Schwester um ihren Blindenstock. Das Mädchen ist blind, eine Folge des Gehirntumors, der vor ein paar Jahren nach einigen Fehldiagnosen entdeckt wurde. Ihr Gesicht, ihr Körper gezeichnet von der Krankheit. Ich sah die beiden Schwestern, wie sie lachten und sich balgten und musste lächeln. Es war ein trauriges und zugleich tröstliches Bild. Die Mutter sah meine Reaktion und drückte mir einen Zettel in die Hand. Darauf stand in Handschrift geschrieben: gofundme.com Adrianne. Ich unterhielt mich kurz mit ihr, sie erzählte mir von der schweren Zeit und davon, dass sie dringend Geld für die Behandlung brauchen.

Ich lief weiter, rieb den orangenen Zettel in meiner Hand hin und her und mich überrollte ein Gefühl der Dehmut für meine gesunden Kinder und des Mitleids für Arianne und ihre Familie: Was hat das Kind schon alles durchstehen müssen. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, mit dem Zettel einen Auftrag in der Hand zu haben. Hätte mir ein Greenpeace-Aktivist eine Broschüre in die Hand gedrückt,  hätte ich ihre Arbeit gut gefunden… aber, hätte ich etwas gespendet? Hier, bei Adrianne und ihrer Mutter fühlte ich eine gewisse Verantwortung. Ich würde dann innerhalb einer Woche das zweite Mal auf die Website gehen und spenden, für zwei unterschiedliche Schicksalsschläge. 

Ich hatte vor ein paar Tagen schon für eine Familie gespendet, die gerade ihren Vater verloren hatte. Heulend saß ich vor meinem Telefon und las die starken, traurigen Zeilen der Ehefrau und Mutter – und empfand dabei das Bedürfnis Ihnen etwas Gutes zu tun. Ich spendete daraufhin einen kleinen Beitrag an eine Familie, die ich nicht persönlich kenne –  deren Schicksal mir auf Instagram vor kurzem entgegen sprang.

Spenden 2.0 – schnell Gutes tun für einzelne Personen! Dem Internet sei dank.

Das Internet. Man kann selbst entscheiden ob es für einen Fluch oder Segen ist. Eins ist es allemal: ein Schmelztiegel an Möglichkeiten.

Noch nie konnte man so einfach Informationen recherchieren, ein eigenes Geschäft gründen, oder gar selbst zum Star werden. Hier formen sich „Communities“, ganze Revolutionen (Arabischer Frühling) starteten hier, im Internet. Durch das Internet rücken wir alle näher, werden mit Geschichten und persönlichen Schicksalen konfrontiert, die uns unter anderen Umständen nicht erreicht hätten. Die Schicksale bekommen Gesichter und Namen – und einen persönlichen Bezug. Dann wird es ziemlich schwer nicht zu handeln und fast unmöglich, nicht hinzuschauen.

Und diejenigen, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind, können schneller aktiv werden und auf sich aufmerksam machen – haben die Möglichkeit sich aus einer Ohnmachtsstellung zu befreien. 

Das Internet suggeriert eine Scheinnähe. Durch Facebook und Instagram können wir verfolgen, das Lara aus dem Abijahrgang geheiratet hat oder das Konrad aus dem Studium mittlerweile Vater zweier Kinder ist. Persönliche Worte hat man das letzte Mal vor Jahren gewechselt. 

Auf der anderen Seite werden wir ungefragt mit den Schattenseiten des Lebens präsentiert und Hilfaktionen und Spendenaktionen zwingen uns förmlich, vielleicht nicht zu spenden, aber definitiv darüber nachzudenken es zu tun. Ausblenden, wegschauen? Fast unmöglich. Manche überfordert diese Art der Konfrontation von persönlichen Schicksalen: „Früher habe in an „Brot für die Welt“ gespendet – und dann war gut“, sagte neulich ein Bekannter. Wie empfindet ihr das?

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